Antisemitismus keine Plattform bieten

Offener Brief

 

Düsseldorf, 23. März 2020

Anti-Semitism that originates on the left is a far more subtle and sophisticated enterprise [than on the right]. It’s typically camouflaged in language familiar to Jewish tongues and ears: the language of social justice and anti-racism, of equality and liberation. (Bari Weiss)

Sehr geehrte Frau Carp,

mit Interesse habe ich Ihr diesjähriges Programm der Ruhrtriennale studiert. Vieles klingt sehr interessant und löst Vorfreude aus. An einer Stelle bin ich allerdings sehr irritiert, weil ich dachte, dass unsere Diskussionen zur Einladung von BDS-Aktivisten vor zwei Jahren zu eindeutigen Verabredungen geführt hätten. Die einstimmige Haltung des Landtags hat diese Bewegung in ihrem Kern als antisemitisch eingestuft und infrastrukturelle und ideelle Verbindungen mit dem Land NRW ausgeschlossen. Das hat gute Gründe: Die BDS-Bewegung zeichnet sich eben nicht durch sachliche Kritik an israelischem Regierungshandeln aus, sondern zielt durch Dämonisierung, Delegitimierung und Desinformation auf die Beendigung seiner Existenz.

Der von Ihnen eingeladene Achille Mbembe ist leider ein Beispiel für diesen Umgang mit Israel. Er ist Unterzeichner des BDS-Aufrufs zum akademischen Boykott Israels. Eine Haltung, die ich unter Wissenschaftlern ganz grundsätzlich fragwürdig finde. Darüber hinaus fällt er aber auch in einer jüngeren Publikation mit Thesen zu Israel und den besetzten Gebieten auf, die jeder sachlichen Grundlage entbehren und unter die oben genannten Kategorien fallen.

In seinem Artikel „The Society of enmity“ (Radical Philosophy 200, 2016) nutzt er die aus BDS-Kreisen gut bekannte Gleichsetzung mit dem Apartheitssystem Südafrikas, um es noch zu überbieten. Er schreibt:

„However, the metaphor of apartheid does not fully account for the specific character of the Israeli separation project. In the first place, this is because this project rests on quite a unique metaphysical and existential basis. The apocalyptic and catastrophist elements that underwrite it are far more complex, and derive from a longer historical horizon than those elements that used to support South African Calvinism.

Moreover, given its ‘hi-tech’ character, the effects of the Israeli project on the Palestinian body are much more formidable that the relatively primitive operations undertaken by the apartheid regime in South Africa between 1948 and the early 1980s. This is evidenced by its miniaturization of violence – its cellularization and molecularization – and its various techniques of material and symbolic erasure. It is also evidenced in its procedures and techniques of demolition – of almost everything, whether of infrastructures, homes, roads or landscapes – and its fanatical policy of destruction aimed at transforming the life of Palestinians into a heap of ruins or a pile of garbage destined for cleansing. In South Africa, the mounds of ruins never did reach such a scale.“

Hier werden vollkommen unterschiedliche Situationen in unzulässiger Weise gleich gesetzt, auch wenn Achille Mbembe im Verlaufe des Artikels über die emphatische Nutzung von Begriffen wie Mauer, Grenze Separation Vernichtung u. ä. eine Art vermeintlich verbindenden Assoziationsraum zu schaffen versucht. Tatsächlich sprachlos hat mich aber ein zweiter Apartheids-Vergleich wenige Absätze später gemacht. Hier wird das Südafrikanische Apartheidssystem mit dem Holocaust verglichen, die beide „Manifestationen“ einer „Separationsphantasie“ seien:

„The apartheid system in South Africa and the destruction of Jews in Europe – the latter, though, in an extreme fashion and within a quite different setting – constituted two emblematic manifestations of this phantasy of separation.“

Dieses Schreiben bietet nicht den Raum die vielfältige Inadäquatheit dieses Vergleiches auszuführen. Nur so viel: Er relativiert nicht nur den Holocaust, er setzt die heutigen Juden Israels in der Logik der Gesamtargumentation an die Stelle der nationalsozialistischen, weißen Verbrecher – ein bekanntes Muster! Es scheint sich zu bestätigen, dass manche mit den toten Juden mehr anfangen können, als mit den
lebenden.

Sehr geehrte Frau Carp,

die Lektüre des Ankündigungstextes zur Veranstaltung mit Achille Mbembe scheint mir in deutlichem Bezug zu seinen im erwähnten Artikel entwickelten Positionen zu stehen. Eine Verbreitung der oben ausgeführten Positionen zu Israel im Rahmen der Ruhrtriennale ist inakzeptabel. Für antisemitische ‚Israelkritik‘, Holocaustrelativierungen und extremistische Desinformation darf eine Veranstaltung
des Landes NRW keine Bühne bieten. Ich bitte Sie daher dringend, die ausgesprochene Einladung zu überdenken. Ich hoffe darauf, dass Sie zu diesem Schluss nicht nur durch den Verweis auf die einschlägige Beschlusslage des Landtages NRW (wie des Bundestages) kommen,
sondern auch aufgrund einer erneuten Prüfung der von mir hier erläuterten Haltung von Achille Mbembe zu Israel.

Mit freundlichen Grüßen

Lorenz Deutsch